Dienstag, 5. Januar 2016

Zum neuen Jahr

 
 


Zum neuen Jahr

 Nun ist das alte Jahr - rasch wie ein Traum -
In die Vergangenheit hinabgeflossen.
Ein neuer Ring hat sich - bemerklich kaum -
Der langen Zeitenkette angeschlossen.
Was vor uns lag verborgen und verhüllt,
Das liegt nun hinter uns, so klar und offen;
Und mancher ist enttäuscht, weil unerfüllt
Geblieben ist sein Sehnen und sein Hoffen.

Wer aber frisch und froh die Tage nahm,
Wie sie das alte Jahr ihm hat gegeben;
Wem alles, Glück und Not und Freud und Gram,
Wie Tag und Nacht, zum Segen ward fürs Leben;
Der kann nicht klagen um verlor`nes Glück
Und dass das alte Jahr ihn hätt`betrogen;
Ihn trieben vorwärts nur ein gutes Stück
Die Stürme und des Lebens wilde Wogen.

Glück auf! Und frisch ins neue Jahr hinein!
Mit Gott voran! So ist`s noch stets gelungen.
Das Leben ist ein Kampf voll Müh` und Pein;
An jedem neuen Tag heißt`s neu gerungen.
So soll es sein! Wer bis zum letzten Schlag
Im Lebenskampf sich nicht lässt unterkriegen,
Der freut an seines Lebens Feiertag
Sich wie ein Held, der kämpfte, um zu siegen!
 
                                 Karl Friedrich Mezger (1880-1911)

Neujahr

 
 


Wie heimlicherweise
Ein Englein leise
Mit rosigen Füßen
Die Erde betritt,
So nahte der Morgen.
Jauchzt ihm, ihr Frommen,
Ein heilig Willkommen,
Ein heilig Willkommen!
Herz, jauchze du mit!
In Ihm sei`s begonnen,
Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt!
Du, Vater, du rate!
Lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!
 
Eduard Mörike (1804-1875)